Da habe ich doch beim sonntäglichen Zeitunglesen einen sehr spannenden taz-Artikel zur Frage nach der “Gestaltungshoheit” in unserer Gesellschaft gefunden. Es taucht nämlich endlich die Frage auf, was in der Gesellschaft eigentlich der Zweck, und was die Mittel sind…
Wenn ich von einem anderen Planenten wäre, auf der Erde landen würde und mich eine Weile umschauen würde – wahrscheinlich bekäme ich den Eindruck, Zweck der ganzen Veranstaltung ist einzig die Ökonomie… und genau das stellt der Artikel zunächst in Frage.
Also: die Menschen bzw. die Gesellschaft ist nicht für die Wirtschaft da, sondern anders herum: die Wirtschaft ist für die Menschen da (oder sollte es eigentlich sein). Das heißt nicht, dass die Wirtschaft nicht ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Gesellschaft ist – ich finde es aber hin und wieder wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, was eigentlich Zweck, und was Mittel ist.
Ähnliches passiert wohl auch bei Diskussionen um Bildung häufig – zum Beispiel in einer sehr spannenden (aber konfusen) Diskussion zur Zukunft der Hochschulbildung in Leipzig aus Anlass des Bildungsstreiks schwang dies mit: Einerseits wird eingefordert, eine möglichst freie und zweckungebundene ‘humboldtsche’ Bildung an den Universitäten realisieren zu können – andererseits sollen Lehrveranstaltungen immer ‘praxisnah’ und ‘für den späteren Beruf (möglichst direkt) nützlich’ sein. Gerade bei Lehramtsstudent/-innen fällt mir dieser (scheinbare?) Widerspruch immer wieder auf. An sich haben ja tatsächlich auch beide Ansprüche ihre Berechtigung.
Wie kommt man da nun ‘raus’? – M.E. hilft es, sich auch hier immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was eigentlich der Zweck und was die Mittel sind – vielleicht ist gerade hierzu auch eine intensive öffentliche Diskussion nötig, denn man kann darüber sicher trefflich streiten. Für mich wäre der individuelle Zweck von Bildung immer die möglichst selbstbestimmte Lebensgestaltung der sich bildenden Menschen. Der gesellschaftliche Zweck? Vielleicht eine Gesellschaft zu gestalten, in der die Bedürfnisse der Mitmenschen und der zukünftigen Generationen bei der eigenen Lebensgestaltung respektiert werden? (an dieser Stelle kann man solche Ziele nur allgemein halten – es wäre aber eine Sache der gesellschaftlichen Diskussion, diese zu konkretisieren…). Und dafür ist es auch, aber nicht nur, notwendig (zumindest in der real existierenden Gesellschaft), dass Menschen im Bildungsprozess Fähigkeiten erwerben, die ihnen eine Berufstätigkeit und damit einen Einkommenserwerb ermöglichen (=Mittel). Ebenso ist es sicher gesellschaftlich notwendig, dass Menschen die Qualifikationen erwerben, notwendige Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Daneben ist es aber auch notwendig, dass Menschen lernen, ihre eigenen Interessen zu entwickeln sowie gesellschaftliche Prozesse zu verstehen und zu gestalten.
Wahrscheinlich kommt man mit Reduktionen auf beiden Seiten nicht weiter: sowohl die Reduktion auf die ‘im Berufsleben praktisch verwertbare (Aus)Bildung’ als auch die Reduktion auf die ‘zweckungebundene Bildung’ erscheint mir im Hinblick auf das genannte Ziel als nicht ausreichend…
[...] Ein zweiter Gedanke drängt sich mir bei der Diskussion der „Berufsorientierung“ auf: Ich habe nämlich eine Weile gebraucht um zu verstehen, in welchem Zusammenhang und in welcher Art die „Berufsorientierung“ von Welbers gefordert wird. Wahrscheinlich, weil bei mir (nur mir?) allein beim Terminus „Berufsorientierung“ die Assoziation der „Karriereorientierung“ aufkommt, bzw. einfach die Orientierung an der Frage, womit der Student von heute „später mal“ seine Brötchen verdienen wird. Diese Frage ist zwar 1. keinesfalls abwegig, verwerflich oder mir persönlich unbekannt, und wird 2. in der heutigen sozialpolitischen und gesellschaftlichen Situation Studenten auch nahegelegt – aber es ist _eine_ Frage im größeren Thema der „Tätigkeits- bzw. Weltorientierung“, das Welbers hier m.E. (Kapitelüberschrift: „Humboldts Hände“) anspricht. Ich würde gern die Frage nach dem „was mache ich mit dem erworbenen Wissen“ nicht sofort auf „wie verdiene ich mit dem erworbenen Wissen Geld“ einschränken wollen. Ich denke, dass man Humboldt damit gerechter werden würde – und nebenbei müsste man die Frage danach aufwerfen, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, in der Menschen eine individuelle Bildung im Sinne Humboldts erwerben, und diese dann auch tätig, nämlich in die Gestaltung von Welt und Gesellschaft, umsetzen können (ohne mit dem, was sie als Bildung im Sinne des „Menschen als Zweck in sich selbst“ erworben haben, auf die Notwendigkeit zurückgeworfen zu sein diese als „Zweck für den ökonomischen Selbsterhalt“ nutzen zu müssen – und sie damit perspektivisch auch bereits darauf ausgerichtet zu erwerben…). Bildung sollte also auf die Befähigung zur Bewältigung von Zukunftsaufgaben (seien es individuelle oder gesellschaftliche) zielen, von denen der ökonomische Selbsterhalt m.E. nur eine ist (siehe auch hier). [...]