Gerade versuche ich mich neben dem Tagesgeschäft in die natürlich sehr umfangreiche Frage einzuarbeiten, wie Lernen und Lehren heutzutage aussehen sollte (und warum).
Mir ist nämlich so langsam aber sicher bewusst geworden, dass in vielen Diskussionen diese eigentlich grundlegende Frage kaum noch aufgegriffen wird. Oft wird von “neuer Lernkultur” oder ähnlichem gesprochen und erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass damit z.T. sehr, sehr unterschiedliches gemeint sein kann. Und: die Forderungen, die dahinter stehen, werden oft als “selbstverständlich” herausgestellt und an sich kaum mehr begründet. Darin besteht bestenfalls die Gefahr der zunehmenden Leere solcher Forderungen (und der daraus abgeleiteten Maßnahmen), schlimmerenfalls gar die Gefahr der Instrumentalisierung (z.B. wenn aus der Forderung nach dem “Praxisbezug” dann die einseitige Anpassung an wirtschaftliche Notwendigkeiten wird).
Bei der Suche nach Ansätzen, die mir bei diesem Unterfangen helfen, bin ich auf einen Artikel von Ulrich Welbers zu Humboldts Bildungsideal gestoßen, der den Anspruch erhebt, verkürzte Rezeptionstraditionen aufzudecken und zu zeigen, welchen Wert dieses Bildungsideal heute hat. Der Artikel hat bei mir einige Gedanken ausgelöst, die ich gern hier festhalten möchte.
Zunächst mal eine (kurze) Zusammenfassung des Artikels (bzw. der für mich anregendsten Aspekte):
Zunächst wird Humboldts Weg zu seinem Bildungsideal beschrieben, der gesellschaftliche Hintergrund (absolutistische Herrschaft und aufstrebendes liberales Bürgertum) und die zeitgenössische bildungspolitische Diskussion beschrieben – in diesen Zusammenhang setzt der Autor das Diktum von “Einsamkeit und Freiheit” um verbreiteten reduktionistischen Interpretationen (Wissenschaft als nicht “weltorientiert” = “Elfenbeinturm”) zu widersprechen.
Im Rückgriff auf die Philosophie des Aristoteles, auf den sich Humboldt bezieht, macht der Autor weiterhin klar, wie die Forderung nach “zweckfreier Bildung” zu verstehen ist: Indem Humboldt den aristotelischen Gedanken, dass in der Materie immer schon die Tendenz enthalten ist, sich ihrer ‘inneren Idee’ anzunähern, auf den Bildungsprozess von Individuen bezieht, entwickelt er die Idee, dass Menschen diese ihre ‘innere Idee’ entwickeln können sollen (der Mensch als Zweck an sich). Der Mensch kommt in dieser Sichtweise deshalb zum Wissen, weil dies in seinem Wesen verankert ist – die Entwicklung der Einzelnen kann dabei zwar be- und auch verhindert, aber kaum planmäßig gesteuert werden (am wenigsten noch für eine große Gruppe an Menschen, z.B. alle Studierende eines bestimmten Studiengangs). Vielmehr bedürfen Menschen für ihre Entwicklung Ruhe und Besonnenheit, sowie “institutionellen Schutz vor reduziertem Lebenszweck und verkürzter Bildungszeit” (S. 35).
In der Entwicklung der ‘individuellen Idee’ liegt nach Ansicht des Autors auch die Bedeutung von “Berufsorientierung” im Studium – gerade hierbei sollte der “Shift from Teaching to Learning” (S. 36) geschafft werden – so dass weniger allgemeine Absolventenprofile und quasi-industrialisierte Bildungsangebote, sondern die berufsorientierte Förderung jedes Einzelnen als Ziel steht.
Der Humboldtsche Begriff der Individualität (mit der wir Wissen konstituieren) wird ergänzt durch den Begriff des Dialogs, durch den dieses Wissen erst in der Welt Objektivität gewinnen kann. Ulrich Welbers verweist in diesem Zusammenhang auf die grundlegende Partizipationsorientierung des Humboldschen Universitätsverständnisses (Lehrende und Lernende sind beide der Wissenschaft verpflichtet und befassen sich gemeinsam mit Themen, die wissenschaftlich noch nicht gelöst sind). Humboldts Beobachtung, dass Universitäten gerade dann nicht funktionieren, wenn sie funktionalisiert werden, kann auch deshalb nicht als “Ausrede” dafür gelten, sich gerade keine Gedanken über die Vermittlung von Wissenschaft zu machen, die wesentliche Aufgabe der Universität ist.
Einige “lose” Gedanken dazu:
Insgesamt sehr schlüssig finde ich die Gedanken zur individuellen Bildung, die sich einerseits in der Orientierung an den “inneren Ideen”, andererseits auch in den Aussagen zur individuellen Wissenskonstitution finden (auf einem anderen Weg kommt Holzkamp zu der Sichtweise, dass individuelles expansives Lernen zwar gefördert, aber kaum geplant werden kann). Die Schlussfolgerung, dass Menschen einen institutionellen Schutz(raum) für ihren Bildungsprozess benötigen, würde ich aber gern erweitern und ein bisschen von seiner Zentrierung auf eine ‘vorbereitende’ Bildungsphase lösen… Vielleicht muss man wirklich unterscheiden zwischen Bildung als dem, was in Bildungsinstitutionen betrieben wird und Bildung als dem, was Individuen in allen möglichen Lebenssituationen erwerben (können). Denn dass dies nicht nur in Bildungssituationen möglich ist, ergibt sich für mich aus dem Diktum, dass der Mensch seines Wesens nach Wissen (und Bildung?) erwirbt. Sicherlich ist es einfacher in Bildungsinstitutionen den geforderten Schutzraum (und auch die hier nicht angesprochene Unterstützung) einzurichten als an anderen Orten – dies sollte uns aber vielleicht nicht davon abhalten, zu fragen, wie wir menschliches Lernen und menschliche Entwicklung in verschiedensten Kontexten ermöglichen (bzw. zunächst: nicht verhindern) können.
Ein zweiter Gedanke drängt sich mir bei der Diskussion der “Berufsorientierung” auf: Ich habe nämlich eine Weile gebraucht um zu verstehen, in welchem Zusammenhang und in welcher Art die “Berufsorientierung” von Welbers gefordert wird. Wahrscheinlich, weil bei mir (nur mir?) allein beim Terminus “Berufsorientierung” die Assoziation der “Karriereorientierung” aufkommt, bzw. einfach die Orientierung an der Frage, womit der Student von heute “später mal” seine Brötchen verdienen wird. Diese Frage ist zwar 1. keinesfalls abwegig, verwerflich oder mir persönlich unbekannt, und wird 2. in der heutigen sozialpolitischen und gesellschaftlichen Situation Studenten auch nahegelegt – aber es ist _eine_ Frage im größeren Thema der “Tätigkeits- bzw. Weltorientierung”, das Welbers hier m.E. (Kapitelüberschrift: “Humboldts Hände”) anspricht.
Ich würde gern die Frage nach dem “was mache ich mit dem erworbenen Wissen” nicht sofort auf “wie verdiene ich mit dem erworbenen Wissen Geld” einschränken wollen. Ich denke, dass man Humboldt damit gerechter werden würde – und nebenbei müsste man die Frage danach aufwerfen, wie eine Gesellschaft gestaltet werden kann, in der Menschen eine individuelle Bildung im Sinne Humboldts erwerben, und diese dann auch tätig, nämlich in die Gestaltung von Welt und Gesellschaft, umsetzen können (ohne mit dem, was sie als Bildung im Sinne des “Menschen als Zweck in sich selbst” erworben haben, auf die Notwendigkeit zurückgeworfen zu sein diese als “Zweck für den ökonomischen Selbsterhalt” nutzen zu müssen – und sie damit perspektivisch auch bereits darauf ausgerichtet zu erwerben…). Bildung sollte also auf die Befähigung zur Bewältigung von Zukunftsaufgaben (seien es individuelle oder gesellschaftliche) zielen, von denen der ökonomische Selbsterhalt m.E. nur eine ist (siehe auch hier).
Im letzten Punkt wird weiterhin ganz stark die Einheit von Lehre und Forschung angesprochen (die ich als Studentin auch immer besonders geschätzt habe)…
Gerade erst vor einigen Tagen wurde auf einer Fakultätsveranstaltung (mal wieder) die Forderung ausgesprochen, sich doch “in der Forschung” stärker zu engagieren. Einmal ganz abgesehen von den strukturellen Schwierigkeiten, die damit bestehen und auf die sich die Diskussion zunächst bezog, löst der zitierte Artikel bei mir die grundlegende Frage aus, worin die Einheit von Lehre und Forschung und die Partizipation von Lernenden in der Forschung in einer Fakultät bestehen kann, die vor allem in der Lehramtsausbildung tätig ist. Diesbezüglich schwirren mir verschiedene Gedanken im Kopf herum, die ich, wenn geordnet, vielleicht in einem anderen Post veröffentliche… ebenso zu der entscheidenden Frage, wie Lernen und Lehren denn demnach (heute) gestaltet werden sollten…
Literatur: Welbers, Ulrich (2009): Humboldts Herz. Zur Anatomie eines Bildungsideals. In: Schneider, Ralf; Szczyrba, Birgit; Welbers, Ulrich; Wildt, Johannes (Hrsg.): Wandel der Lehr- und Lernkulturen. (Blickpunkt Hochschuldidaktik, Band 120). Bielefeld: Bertelsmann, S. 21-41.
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