“die Verschwundenen, die Verlorenen, die Geschundenen und die Geborenen?” – oder: Eine Laudatio an die Ungenannten Lehrenden

Nach der Jahrestagung des Hochschuldidaktischen Zentrums Sachsen in der letzten Woche (vgl. erster Bericht) habe ich mich mal wieder gefragt, warum eigentlich (a) am Ende jeder Tagung eine Podiumsdiskussion stattfindet (die im besten Fall keine besonderen Anregungen bereithält und im schlimmsten Fall zu Aggressionsgefühlen führt (oder beides)) und (b) warum ich eigentlich immer noch zu diesen Veranstaltungen hingehe…
Abgesehen von einigen “Sternsekunden” der Podiumsdiskussion (über die ich hoffentlich bald noch kurz berichten werde) war ja alles wie immer: Hochschulvertreter bemühen sich redlich, ihre Perspektive auf eine Sache darzustellen und enden wie durch ein Wunder immer bei der “Ressourcenfrage” – die von dem eingeladenen Politikvertreter bestenfalls unbefriedigend beantwortet, schlimmstenfalls direkt als unqualifizierte Frage abgetan wird…
Diesmal gab es als “Sahnehäubchen” auch noch ein “Schlusswort des Hausherrn” – ein rhetorisches Glanzstück, das in mir aber zunächst das unbefriedigende Gefühl auslöste, möglicherweise weder zu existieren noch meine Umwelt angemessen wahrzunehmen. Die weitere Reflexion über das Gesagte eröffnete mir aber die wunderbare Erkenntnis, möglicherweise besonders privilegiert zu sein, was meinen bisherigen Lern- und Arbeitskontext angeht…

In dem angesprochenen Schlusswort ging es um die Frage, “für wen Hochschuldidaktik (und das hochschuldidaktische Zentrum) denn eigentlich da sei… Der Redner meinte, vier Gruppen von Lehrenden an Hochschulen ausmachen zu können:

  • “die Verschwundenen”: Jene “guten Lehrenden”, die meist nur die ältere Generation noch ‘live’ erlebt und kennengelernt hat – “Je älter die Person, die man fragt, um so wahrscheinlicher ist es, dass diese Person noch gute Lehrende kennengelernt hat”. Diese Gruppe ist aus irgendeinem Grunde verschwunden und kann deshalb auch nicht Adressat von Hochschuldidaktik sein
  • “die Verlorenen”: Jene Lehrende, die die Lehre als möglichst gering zu haltendes Übel betrachten und dafür auch möglichst wenig Arbeit aufwenden. Die sich in der Forschung profilieren wollen und denen es so ziemlich egal ist, ob die Studierenden in ihren Lehrveranstaltungen etwas lernen. Diese Gruppe wird, so die Analyse, für Hochschuldidaktik mittelfristig auch nicht erreichbar sein (es sei denn als “Zwangsmaßnahme”)
  • “die Geschundenen”: “Schlechte Lehrende, die dennoch gute Lehrveranstaltungen halten” – und die deshalb “bei Evaluationen schlecht wegkommen” weil sie spezifische Probleme (z.B. Sprachfehler) hätten. Für diese Lehrenden könne Hochschuldidaktik eine Hilfsmöglichkeit darstellen
  • “die Geborenen”: “selbst ernannte ‘gute Lehrende’, die schlechte Kurse machen” – das sind Lehrende, die sich selbst für die “geborenen Lehrer” halten, die auch in den Evaluationen gut oder unauffällig bewertet werden (ca. 2/3 der Lehrenden werden in Evaluationen eher gut bewertet), und die dennoch “schlechte Kurse” machen. Für diese könnte Hochschuldidaktik eine Sensibilisierung und Weiterentwicklungsmöglichkeit bieten.

Hm. Was bleibt (abgesehen von einer rhetorisch schön gestrickten Figur)?

Wenn das tatsächlich “die Lehrendentypen” sind, die von Personen aus der Hochschulleitung als dominant wahrgenommen werden, dann kann ich mir wirklich einbilden, “privilegiert” zu sein…

Ich habe nämlich, auch wenn ich noch nicht zur älteren Generation der Hochschulmitarbeiter gehöre, das Glück gehabt, einige der “Verschwundenen” kennenzulernen. Und zu wissen, dass diese (noch) nicht verschwunden sind, bzw. sogar daran arbeiten, ihrem wissenschaftlichen Nachwuchs ebensolche Lehrqualitäten weiterzugeben. (Auch deshalb konnte ich womöglich sogar “gute Lehrende, die eine gute Lehre halten” kennenlernen, die einer jüngeren Generation angehören…).

Außerdem – was ich fast noch schöner finde – habe ich jetzt als Mitarbeiterin eine ganz stattliche Anzahl Lehrender (verschiedener Generationen und Fachrichtungen!) kennengelernt, die scheinbar zu einem ganz anderen Typus gehören (der sich freilich nicht so plakativ beschreiben lässt). Lehrende, die mit Interesse und Engagement an die Lehre herangehen, die dabei ihr Lehrhandeln immer wieder auch kritisch hinterfragen und (von Studierenden oder auch anderen Lehrenden) hinterfragen lassen, die sich der immer vorhandenen Verbesserungsmöglichkeit bezüglich der Lehre bewusst sind und sich gegenseitig Anregungen dazu geben, die sich Rückmeldungen zum Lehr-Lern-Geschehen abseits von Evaluationen holen und/oder versuchen, auch aus den am wenigsten aussagekräftigen Evaluationsbögen noch informative Rückmeldungen zu ihrer Lehre zu ziehen, die sich reflexiv mit den institutionellen Bedingungen ihrer Lehre auseinandersetzen und versuchen, diese reflexive Haltung an Studierende weiterzugeben, die gezielt mit anderen Lehrenden zusammenarbeiten um ihre eigene Lehre zu verbessern, aber auch um die Studiengänge besser auf die Bedürfnisse der Studierenden abzustimmen, usw.

Diese Lehrenden tauchten im besagten Schlusswort leider nicht auf (obwohl ich vermute, dass gerade sie eine Gruppe sind, für die die Hochschuldidaktik vielfältige Anregungen und Unterstützungsmöglichkeiten bieten kann).  Umso glücklicher bin ich darüber, sie im “Alltagsgeschäft” an der Hochschule kennengelernt zu haben – und zu wissen, dass auch durch scheinbar erschöpfende Typologien nicht beweisbar ist, dass etwas nicht existiert!

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