Vor einer längeren Blogpause hatte ich mal einige Gedanken zum Thema Praxis- und Forschungsorientierung in der Lehramtsausbildung beschrieben…
Ich hatte damals den Gedanken beschrieben, dass (schulische) Praxis und (universitäre) Lehre möglicherweise nach unterschiedlichen “Logiken” funktionieren. Nämlich einerseits der Logik der situativ angepassten Handlung und des problemorientierten Reflektierens (in der Praxis) und andererseits einer wissenschaftssystematischen Logik (in der Uni).
Gestern bin ich auf einen Artikel gestoßen (Schneider, Ralf; Wildt, Johannes (2009): Forschendes Lernen in Praxisstudien – Wechsel eines Leitmotivs. In: Roters, Bianca; Schneider, Ralf; Koch-Priewe, Barbara; Thiele, Jörg; Wildt, Johannes (Hrsg.) (2009): Forschendes Lernen im Lehramtsstudium. Hochschuldidaktik – Professionalisierung – Kompetenzentwicklung. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt, S. 8-36.) in dem dieser Gedanke noch weiterführend thematisiert wurde:
Eine Grundaussage ist, dass das “Handlungswissen”, das in der (handelnden und auf die konkrete Situation bezogenen) Praxis erworben wird, eine grundsätzliche andere Struktur hat als wissenschaftliches Wissen. Ersteres richtet sich am Kriterium der Angemessenheit aus (gutes Wissen ist solches, das in der konkreten Situation “funktioniert”, egal ob es “wahr” ist oder nicht), letzteres am Kriterium der Wahrheit.
Nun versucht die Lehrerausbildung, innerhalb von “Praxisphasen” eine Nutzung des in der Universität erworbenen wissenschaftlichen Wissens in der Unterrichtspraxis zu ermöglichen. Oft genug besteht die Erfahrung der Studierenden aber darin, dass “das Wissen aus der Uni in der Praxis nichts nutzt” (wie oft habe ich das selber schon gehört, wenn ich nach den Erfahrungen und Problemwahrnehmungen in den Praxisphasen gefragt habe…). Das bestätigt zunächst mal die These der Autoren, dass eine einseitige “Übertragung” wissenschaftlichen Wissens in die Praxis nicht so einfach möglich ist.
In dem Artikel wird dann versucht, die Möglichkeiten ‘forschenden Lernens’ in Bezug auf eine Integration der verschiedenen Wissensformen auszuloten. Es wird kritisiert, dass in den schulpraktischen Teilen der universitären Lehramtsausbildung ein fast ausschließlicher Fokus auf den _Handlungsfähigkeiten_ im Unterricht liegt.
Und dabei begannen dann meine Probleme mit dem Artikel… Es erschien an einigen Stellen so, als gäbe es nicht nur den grundsätzlichen Widerspruch zwischen den Wissensarten, sondern darauf aufbauend auch einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen forschendem und handlungsorientiertem Lernen.
Möglicherweise ist das dem Ziel der Darstellung geschuldet, aber ich denke, dass dieser Widerspruch insofern ein konstruierter ist, da scheinbar von einem recht verkürzten Handlungsbegriff ausgegangen wird (der eher ein ‘automatisiertes Funktionieren’ beschreibt als ein Handeln, so wie ich es verstehen würde). Nicht, dass ich mich mit dem Begriff der Handlung schon ausführlich (genug) befasst hätte… aber für mich gehört zum Handeln (und damit auch zur Handlungsfähigkeit) zumindest in den pädagogischen Berufsfeldern immer auch die Reflexion dieses Handelns dazu. Will heißen, z.B. kompetentes didaktisches Handeln schließt für mich einen ‘forschenden’ und distanzierten Zugang zum eigenen Lehren und Lernen in jedem Fall mit ein. Deshalb ja auch der spezifische Fokus auf reflexives Lernen und den Einbezug in die Qualitätsentwicklung in meinem Projekt zur Entwicklung didaktischer Kompetenzen für die Gestaltung von E-Learning-Angeboten…
Insofern stellen für mich die Ansätze definitiv keine Gegensätze dar (auch wenn sich in einzelnen Lernangeboten der Schwerpunkt durchaus mal in die eine oder andere Richtung neigen kann, weil einfach nicht immer alles geht). Das forschende Lernen ist im handlungsorientierten Lernen insofern mit enthalten, da die Handlungen und Handlungsergebnisse reflektiert, bewertet und ggf. werden müssen (und damit auch das diesen Handlungen zugrunde liegende Wissen) – handlungsorientiertes Lernen ohne Reflexion wäre für mich wahrscheinlich überhaupt kein Lernen (maximal ein ‘Üben’). Und forschendes Lernen schließt “Handeln” andererseits insofern ein, da es sich (1) beim Forschen natürlich auch um eine spezifische Handlungkompetenz handelt und (2) (und wichtiger) da ich durch das Erforschen des Praxisfeldes dieses verändere und mit den Ergebnissen (aber z.T. auch schon im Verlauf) meiner Forschung die Praxis verbessern will. (Forschung und forschendes Lernen schließt dabei die gezielte Veränderung von Praxis – und zwar für den doppelten Zweck der Erkenntnis einerseits und der perspektivischen Praxisverbesserung andererseits – durchaus nicht aus.)
Und was ist nun mit den unterschiedlichen ‘Wissensformen’? Mir ist aus dem genannten Artikel leider nicht ganz klar geworden, wie eine Integration dieser Wissensformen eigentlich aussehen kann oder sollte. Vielleicht bietet der Ansatz der “subjektiven Theorien” eine Möglichkeit sich vorzustellen, wie sich Handlungswissen (bzw. Wissen um die Angemessenheit bestimmter Handlungsformen) und wissenschaftliches Wissen (bzw. Wissen um bestimmte Gesetzmäßigkeiten) integrieren lassen?
Zu fragen wäre dann auch, welche Art von Wissen und Wissensintegration ein kompetent handelnder Lehrer (oder Medienpädagoge, oder…) eigentlich benötigen würde. Ich vermute, dass darin sowohl das Kriterium der ‘Wahrheit’ als auch das Kriterium der ‘Angemessenheit’ eine Rolle spielen müssten… aber das ist eine reine Vermutung.
Nichtsdestotrotz stimme ich dem Artikel insofern zu, als dass der angesprochene Perspektivwechsel und eine distanzierte, forschende Haltung zum eigenen Lehren/Lernen/Handeln durchaus gefördert werden muss. (Vielleicht habe ich es da allerdings bei den (auch forschungsorientierten) angehenden Medienpädagogen etwas einfacher als bei den angehenden Lehrern…) Und forschendes Lernen (v.a. wenn es eine gezielte, theoriegeleitete Praxisveränderung enthält) ist sicherlich ein Weg zu einer solchen Haltung. Ein ergänzender wäre die Modellwirkung von Lehrenden, die selbst ihr eigenes Handeln und ihre institutionellen Bedingungen mit den Lernenden reflektieren…
Was für eine Vorstellung, Wissenschaft hätte “Wahrheit” als Kriterium! Ist Newtons Physik wahr oder Einsteins? Es geht um Widerspruchsfreiheit und Falsifizierbarkeit.
Pädagogische Wissenschaft (vgl. dazu Th. Litt) ist freilich nicht Wissenschaft eines Sachbereichs, sondern einer Praxis. Insofern muss pädagogische Forschung handlungsorientiert sein.
[...] hatte mich in der letzten Zeit in einigen Artikeln mit dem Theorie-Praxis-Zusammenhang in der Pädagogik (und zwar sowohl in der Forschung [...]
Das stimmt natürlich – “Wahrheit” als Kriterium für Wissenschaft anzusehen, ist sicher nicht angemessen. (Ich nehme aber an, dass es dennoch häufig genug noch passiert, wie auch in dem zitierten Artikel. Vielleicht beginnt hier auch schon das Problem vieler Studierender, die die wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnisse als “Wahrheit” und damit “einfach übertragbare Gesetze” ansehen wollen…)
Sowohl hierzu als auch zur Frage nach der grundsätzlichen Handlungsorientierung der pädagogischen Wissenschaft hat John Dewey einige interessante Aussagen formuliert (siehe meinen Artikel dazu…)