Ich hatte mich in der letzten Zeit in einigen Artikeln mit dem Theorie-Praxis-Zusammenhang in der Pädagogik (und zwar sowohl in der Forschung als auch in der Lehre) auseinandergesetzt. Eigentlich mehr durch Zufall bin ich in einem Artikel von John Dewey (1935) auf einige bedenkenswerte Aussagen gestoßen…
Zunächst einmal stellt sich Dewey die Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? Diese ist für ihn weniger definiert als etwas, das “exakte Ergebnisse” liefert, sondern als auf systematischen Erkenntnismethoden beruhende Suche nach dem besseren Verständnis und (!!!) der besseren Beherrschung eines Gegenstandsbereichs. (Im Prinzip sind hier schon beide Intentionen, nämlich die Frage nach den (theoretischen) Erkenntnissen und die Frage nach den (praktischen) Anwendungsmöglichkeiten angesprochen.)
Abstraktion bzw. Verallgemeinerung (von der konkreten, einmaligen Situation hin zu allgemeinen Regelmäßigkeiten) ist dabei eine grundlegende Voraussetzung für Wissenschaft. Dies führt nach Dewey auch dazu, dass der Blick (des Praktikers) für die konkrete Situation weiter und tiefer wird und weiter reichende Folgen eingener Handlungen bedacht werden können, als dies ohne die wissenschaftliche Betrachtung möglich wäre:
“Die Theorie ist schließlich, wie gut gesagt worden ist, das Praktischste von allem, weil diese Erweiterung unseres Aufmerksamkeitsbereiches über den nahen Zweck und Wunsch hinaus tatsächlich in der Schaffung umfassender und weiter reichender Ziele resultiert und uns befähigt, eine breitere und tiefere Reihe von Bedingungen und Mitteln zu gebrauchen, als sie bei der Beobachtung primitiver praktischer Zwecke gezeigt wurde.“ (Dewey 1935: 107f.)
Allerdings beziehen sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse häufig auf isolierte Faktoren und standardisierte Situationen, so dass sie zunächst miteinander und mit der “Faktorenkomplexion” (Winnefeld 1957: 34) der praktischen Situation in Verbindung gesetzt werden müssen, um ein Gesamtbild zu ergeben:
“Denn es gibt überhaupt keine erzieherische Maßnahme, die nicht in hohem Grade komplex ist, d.h. die nicht viele andere Bedingungen und Faktoren enthält als in dem wissenschaftlichen Ergebnis eingeschlossen sind.“ (Dewey 1935: 109)
(Eine andere, diese freilich nicht ausschließende Schlussfolgerung wäre, gerade auch in der wissenschaftlichen Untersuchung die hohe Komplexität der konkreten Situationen und Personen einzubeziehen, d.h. z.B. bei der Interpretation von Aussagen gezielt die wichtigen Kontextinformationen hinzuzuziehen… – Wissenschaft besteht auch nach Dewey nicht aus isolierten Erkenntnissen, sondern diese werden erst zur Wissenschaft, wenn sie in einen “sich gegenseitig erhellenden Zusammenhang” (a.a.O.: 110) gestellt werden).
Wissenschaft kann für den Praktiker aber kein einfach anzuwendendes “Regelwerk” bereitstellen, sondern sollte eher als Instrument zur eigenen Beobachtung und Deutung der Praxis genutzt werden. Gerade hierin liegt aber häufig ein Problem in der Wahrnehmung und im Verständnis von Wissenschaft:
„Es ist sehr leicht, die Wissenschaft eher für eine beim Verkauf der Waren mitgehende Garantie als für ein Licht für die Augen und eine Leuchte für die Füße zu halten. Sie wird eher wegen ihres Prestigewertes denn als Werkzeug persönlicher Erleuchtung und Befreiung geschätzt. Sie wird gerühmt, weil man glaubt, daß sie einem besonderen im Klassenzimmer auszuführenden Verfahren unantastbare Glaubwürdigkeit und Autorität gibt. So aufgefaßt ist die Wissenschaft im Widerspruch zur Erziehung als Kunst.“ (a.a.O.: 107)
Gerade die pädagogische Wissenschaft kann aber nicht um “ihrer selbst willen” existieren: sie bekommt idealerweise die zu behandelnden Probleme aus der Erziehungspraxis (da sie sonst Ergebnisse liefert, für die sich niemand interessiert), und auch die Erprobung wissenschaftlicher Erkenntnisse kann nur in der Praxis stattfinden.
„Was getan wird, besteht aus Handlungen, nicht aus Wissenschaft. Aber die Wissenschaft wird wirksam, indem sie diese Tätigkeiten vernünftiger gestaltet.“ (a.a.O.: 119)
Was bedeutet das jetzt für die eigene pädagogische Tätigkeit und die (wissenschaftlich) Ausbildung zukünftiger Pädagogen?
- nicht die isolierte wissenschaftliche Erkenntnis ist wichtig, sondern die Fähigkeit, pädagogische Probleme zu formulieren, wissenschaftliche Erkenntnisse dazu zu suchen, in Beziehung zueinander zu setzen und Lösungsvorschläge zu erproben
- handlungsorientiertes Lernen und forschendes Lernen sollten sich eigentlich nicht widersprechen: es geht vielmehr darum, den “forschenden Blick” für die Praxis zu entwickeln
- gerade letzteres funktioniert aber m.E. nur, wenn nicht nur ein forschender Blick auf eine fremde Praxis verlangt wird (so wie das häufig z.B. im Lehramtsstudium im Rahmen der Praxisphasen passiert), sondern wenn auch eigene pädagogische Projekte (bzw. Handlungen) geplant und untersucht werden
- die Rolle der Wissenschaft für die praktische Pädagogik muss dann aber auch so dargestellt und reflektiert werden: als Erkenntnisinstrument, und nicht als direkt auf Anwendungssituationen übertragbare Einzelfakten…
Die Erwartung, dass es wissenschaftlich abgesicherte “Regeln” für pädagogisches Handeln gibt und dass diese im Studium gelernt werden (können), kann also eigentlich nicht zu früh enttäuscht (im wahrsten Sinne des Wortes, der Aufhebung einer Täuschung) werden. Wichtig wäre dann aber auch, das entstandene “Vakuum” im Wissenschaftsverständnis (“wissenschaftliche Erkenntnisse bringen für die Praxis gar nix”) dann wieder zu füllen (wenn nicht gleich, es ganz zu verhindern) – indem eben der Nutzen von Wissenschaft als Erkenntnismethode exemplarisch für den Einzelnen erfahrbar wird. Gerade das zu erreichen (und dabei möglichst auch noch das notwendige Orientierungswissen über die verschiedenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien aufzubauen, das ja für die Nutzung dieser als Erkenntnisinstrument zwingend notwendig ist) ist m.E. immer noch eine entscheidende Problematik in der pädagogischen Ausbildung nicht nur von Lehramtsstudierenden.
Literatur:
Dewey, John (1935): Die Quellen einer Wissenschaft von der Erziehung. In: Dewey, John; Kilpatrick, William Heard (1935): Der Projekt-Plan. Grundlegung und Praxis. Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger, S. 102-141.
Winnefeld, Friedrich (1957): Pädagogischer Kontakt und pädagogisches Feld. Beiträge zur pädagogischen Psychologie. (Beihefte der Zeitschrift ‘Schule und Psychologie, Nr. 7.) München, Basel: Ernst Reinhardt Verlag.