Das Wunder von Leipzig?

19. Oktober 2009

Am Samstag sollte durch den “Leipziger Osten” (ein Stadtteil mit ungefähr dem Charme einer Mischung von Berlin Friedrichshain und Kreuzberg vor 15 Jahren, dem höchsten Migrantenanteil und der geringsten Wahlbeteiligung in Leipzig) eine Nazi-Demonstration führen.

Weit gekommen ist diese Demonstration nicht: das “Recht auf Zukunft” (Motto der Demonstration) der Nationalsozialisten endete nach 4 Stunden direkt unter dem S-Bahnhof Sellerhausen, der der Ausgangspunkt werden sollte. Dies wurde erreicht durch…

- viele bunte Gegendemonstranten (ca. 2500 wurden am Bahnhof Sellerhausen bzw. in der unmittelbaren Umgebung gezählt, es gab aber viele Aktionen auch an der Strecke, so dass es wahrscheinlich mehr gewesen sein dürften), dabei ist auch hervorzuheben, dass der Stadtteil selbst ein doch nicht ganz geringes Mobilisierungspotential und mittlerweile ein recht starkes Netz politisch und sozial “Aktiver” hat

- die Präsenz breiter Bevölkerungsteile in der Gegendemonstration – das waren nicht einige “Linksradikale” die da demonstriert haben, sondern eine ganz gemischte Truppe mit jungen Leuten, Familien, älteren Herren und Damen (besonders impressiv der ältere Herr in der ersten Reihe mit Regenbogen-Fahne), auch natürlich Linke und Autonome, Kirchenleute und Stadtoffizielle (höhere Kirchenleute und einige Ressortbürgermeister wurden direkt am Brennpunkt des Geschehens vor der Polizeisperre gesichtet), usw.

- ein relativ besonnenes Vorgehen der Polizei gegenüber den Gegendemonstranten (abgesehen von einigen Kontrollen, die vielleicht übertrieben waren),  was möglicherweise auch dem eben genannten Punkt geschuldet ist (es ist einfach schwieriger, aggressiv vorzugehen, wenn vorn in der ersten Reihe der Superintendent Martin Henker, Ex-Nikolai-Pfarrer Christian Führer und viele eher ‘normale’, auch ältere Menschen, stehen).

Auch wenn es m.E. immer noch viel zu wenige Menschen zur Gegendemonstration gezogen hat – Erfolge wie diese können solche positiven Bewegungen nur verstärken. Dafür müssen sie aber auch publik werden. Bei der Recherche heute morgen viel mir aber leider auf, dass kaum etwas berichtet wurde… außer in der ansässigen LVZ und in der taz habe ich original _NIRGENS_ in den Online-Präsenzen etablierter Zeitungen etwas gefunden (wer etwas gefunden hat, korrigiere mich bitte…). Das aktuelle  “Wunder von Leipzig” bei spiegel, faz oder süddeutsche? Fehlanzeige… die Suche nach “Leipzig, Demonstration” führt maximal zu einem “1989-Rückblick“…

Das erinnert mich an einen Gedanken, den ich auch auf der Demonstration hatte: Wenn es gelingen würde, so viele Menschen zu mobilisieren wie zum “20 Jahre 09.Oktober 1989″-Event in Leipzig letzte Woche, dann wäre etwas erreicht. Aber ob das nur mit “Rückblicken” zu machen ist?


Der Kampf mit moodle – und warum ich das überhaupt tue

10. Oktober 2009

Diese Woche hatte ich einen dieser mittleren Kämpfe mit moodle…

Da habe ich mich doch die “vollkommen abwegige” Idee gehabt, Studenten sollten bestimmte Videos in moodle einbetten, ein Statement dazu abgeben und die Videos/Statements der anderen kommentieren können. Dabei geht es zunächst nur um Videos, die bereits bei youtube oder ähnlich veröffentlicht sind. Da ich das in einer der ersten Veranstaltungswochen vorhabe (näheres zu diesem spezifischen Seminarprojekt in einem späteren Post…) und die Studierenden (nach meiner Erfahrung) eben nicht alle möglichen Tools “einfach so” nutzen und bedienen können, sollen sie zu dieser Zeit auch (noch) keine Trainerrechte für den Kurs haben.

So probierte ich also in verschiedenen Aktivitäten aus, ob und wie dort Videos eingebettet werden können. In meiner Trainerrolle gelang mir das zwar nicht im Wiki und auch nicht in der Datenbank oder im Forum, aber im Glossar – und das hat ja dann auch noch den Vorteil, dass es eine  Kommentarfunktion hat. So weit so schön – können das auch Studierende (bzw. Personen in der Teilnehmerrolle)?

Die ernüchternde Antwort: nein. – zumindest nicht so ohne weiteres: zwar ist die html-Code einfügen-Option für Teilnehmer nicht disabled, aber der embed-Code wird vollständig und kommentarlos ignoriert. Was tun?

Zum Glück gibt es ja an der Uni Leipzig den E-Learning-Service (der ja auch für die konkrete moodle-Implementierung verantwortlich ist) – dieser konnte mir immerhin mit einem workaround weiterhelfen: man kann den Teilnehmern (allerdings recht aufwändig, weil einzeln) für diese eine Aktivität Trainerrechte zuweisen. Dann klappts auch mit dem Video. (Das hat natürlich den Nebeneffekt, dass Teilnehmer dann die gesamte Aktivität auch bearbeiten und z.B. aus Versehen, weil sie ja noch nicht wirklich mit moodle umgehen können, löschen können – hier geht die Rechteeinschränkung für Teilnehmer einfach mal nach hinten los!)

Ich weiß nicht wirklich, ob dieses Problem vielleicht nur an der moodle-Implementation unserer Einrichtung liegt (gut möglich, dass der Administrator da die Rechte differenziert vergeben kann?). Generell angelegt ist das Problem aber durch die sehr stark differenzierte Rechte- und Rollenvergabe bei moodle an sich (ich fühle mich auch ehrlich gesagt als “Kursleiter” etwas bevormundet, wenn ich solche Dinge nicht an irgendeiner Stelle selbst einstellen kann).

Nun werden Leser, die in der “E-Learning-Blogosphäre” auch nur einigermaßen bewandert sind, sich berechtigterweise fragen, warum ich das überhaupt tue – warum moodle? warum nicht einfach blogs, twitter, wikis, youtube – LMS sind schließlich “sooo nineties!” (naja, moodle selbst ist noch nicht ganz so alt) – so gibt es immer wieder mal Diskussionen um ihren Nutzen und ihre Notwendigkeit, z.B. gegenüber der ‘persönlichen Lernumgebung’ (PLE) (relativ alte Zeugnisse dieser Diskussion hier und hier, neuerdings wird die Diskussion sogar in Verbindung mit der Diskussion zum Begriff E-Learning geführt, ein guter Einstieg findet sich bei Helge Städtler). Also – warum mache ich das eigentlich…

Neben einem gepflegten Anachronismus (“In sein ist out” – das war schon mit 14 mein Lieblingsspruch) lassen sich die verschiedenen Gründe, die ich für die Nutzung von LMS sehe, glaube ich fast alle auf die letztlich eben doch vorhandene Institutionalisierung des Lernens zurückführen (eine ähnliche Argumentation übrigens hier von Ralf Hilgenstock):

Diese führt (Grund 1) dazu, dass ich die Lehrveranstaltung in gewissem Sinne vorausplanen muss. D.h., ich muss zumindest die Inhalte und Aufgabenstellungen vorher festlegen – nun, das könnte ich auch ‘offline’ machen und dann zur jeweiligen Zeit über den Blog oder ein Wiki oder einen Microblog den Studenten zugänglich machen. Manche Einheiten muss ich aber auch didaktisch anders planen, als ich es nur per Wiki oder Blog z.B. könnte). Ein Beispiel: Die Studenten sollen erkennen, welche Implikationen die ‘klassischen’ Lerntheorien für den Einsatz von ‘E-learning’ haben. Nun könnte ich ein Wiki über Lerntheorien einrichten, die Studenten in Blogs darüber reflektieren und diskutieren lassen, interessante Links empfehlen etc – und hätte damit einige der Theorien bereits ad absurdum geführt. Das wäre eine Variante – aber die Studenten wissen damit immer noch nicht, was es heißt, z.B. behavioristisch zu lernen. Damit sie damit Erfahrungen machen, bereite ich in moodle eine kleine feine ‘Lektion’ vor, die nicht nur die Theorie Behaviorismus erklärt, sondern gleichzeitig ihre Implikationen umsetzt – die Studenten machen ihre Erfahrungen damit und reflektieren das Ganze hinterher z.B. in einem Forum.

Moodle hilft mir dabei dann aber nicht nur, bestimmte Lerninhalte und -vorgänge zu planen, sondern auch, die verschiedenen Kursaktivitäten einfach “an einem Ort” (Grund 2) zu haben (natürlich könnten die Studenten ihre Erfahrungen auch in einem Blog reflektieren und diskutieren, ich werde sie sogar dazu ermutigen – aber die Seminardiskussion selbst findet “an einem Ort” möglicherweise produktiver statt – zumal möglicherweise auch viele andere Aktivitäten in dem Seminar anfallen, die über ein Blog nun wieder nicht laufen könnten…). Natürlich ist die Notwendigkeit, einen Überblick über die Seminaraktivitäten zu haben, auch wiederum der Institutionalisierung des Lernens in einer bestimmten Lehrveranstaltung an einer bestimmten Hochschule usw. geschuldet.

Aber nicht nur ich habe dann alle Seminaraktivitäten an einem Ort versammelt, sondern auch die Studierenden (Grund 3), die sich laut meiner Erfahrung mehrheitlich nicht bereits eine ‘eigene PLE’ eingerichtet haben, sondern ihr Lernen eher in Termini von einzelnen Kursen organisieren (auch das natürlich der Institutionalisierung geschuldet).

Gerade durch diese auch im Hochschulbereich (und wahrscheinlich durch die deutsche Bologna-Umsetzung: vermehrt auch im Hochschulbereich) anzutreffende Institutionalisierung des Lernens (und damit für die Studierenden oft auch: Instrumentalisierung für und Zentrierung auf das Erreichen von Scheinen oder Punkten) ist auch klar, dass das Lernen im Rahmen von Lehrveranstaltungen immer zunächst formales Lernen ist – und dass damit ein Interesse (und auch ein gutes Recht) der Studierenden besteht, diese Lernprozesse in einer gewissen Weise institutionalisiert zu belassen und nicht in eine PERSÖNLICHE Lernumgebung aufzunehmen (Grund 4)  (also nicht für ein Seminar ein neues Blog anlegen zu müssen, nur weil ich diese Inhalte in meinem persönlichen – auch wenn dieses ‘lernmotiviert ist, einfach weil diese Inhalte nicht zum Kern meines Interesses gehören – nicht haben möchte, etc.). Vielleicht haben auch deshalb die Versuche, PLE’s in einzelnen Seminaren einzusetzen, nicht den breiten Erfolg (siehe Kommentare hierzu bzw. gleich das Buch von Marcel Kirchner und Thomas Bernhardt)?

Das heißt nicht, dass PLE’s insgesamt uninteressant oder nutzlos wären – im Gegenteil (ich selbst baue mir genau genommen gerade eine auf). Sie haben aber m.E. nur dann für den lernenden Menschen einen Mehrwert, wenn damit EIGENE Interessen und Projekte verfolgt und bearbeitet werden. Für “zunächst nur institutionalisierte” Lernprozesse würde ich meine PLE wahrscheinlich kaum nutzen (geschweige denn: einrichten!).

Warum ich also LMS (im konkreten Fall moodle) überhaupt einsetze: einfach weil ich als Lehrende in Hochschulseminaren es nun einmal mit für die Studierenden “zunächst nur institutionalisiertem Lernen” zu tun habe – und dies auch bei meiner Planung berücksichtigen muss. (Dennoch versuche ich natürlich, mit den jeweiligen Themen an den Interessen der Studierenden anzuknüpfen, oft genug mit Projektseminaren usw., so dass die Seminarthemen von möglichst vielen auch als ‘persönliche’ übernommen werden – aber ich kann nicht davon ausgehen, dass dies auch nur ein nennenswerter Teil der Studierenden letztlich tut, schon allein wegen der Vielfalt der Themen, denen man im Studium begegnet und für die man sich außerhalb dessen auch noch interessieren kann).

Das heißt aber auch: wenn wir wollen dass immer mehr Lernende ihre eigenen Interessen und Projekte produktiv verfolgen können (in oder außerhalb institutioneller Zusammenhänge, mit oder ohne PLE – wobei sich der Sinn der PLE dann ja wirklich auch erschließt!), müssen die Lernenden dafür nicht nur Anregungen zur Einrichtung einer PLE bekommen, sondern vor allem auch den Raum, eigene Interessen zu verfolgen und eigene Projekte (auch mit Unterstützung) umsetzen zu können – und das ist m.E. die entscheidende Aufgabe in der Gestaltung von Bildungsprozessen gerade auch in der Hochschule. Nicht der Medieneinsatz verändert das Lernen, sondern ein verändertes Lernen macht einen Einsatz bestimmter Medien überhaupt erst sinnvoll…


Über Zweck und Mittel

20. September 2009

Da habe ich doch beim sonntäglichen Zeitunglesen einen sehr spannenden taz-Artikel zur Frage nach der “Gestaltungshoheit” in unserer Gesellschaft gefunden. Es taucht nämlich endlich die Frage auf, was in der Gesellschaft eigentlich der Zweck, und was die Mittel sind…

Wenn ich von einem anderen Planenten wäre, auf der Erde landen würde und mich eine Weile umschauen würde – wahrscheinlich bekäme ich den Eindruck, Zweck der ganzen Veranstaltung ist einzig die Ökonomie… und genau das stellt der Artikel zunächst in Frage.

Also: die Menschen bzw. die Gesellschaft ist nicht für die Wirtschaft da, sondern anders herum: die Wirtschaft ist für die Menschen da (oder sollte es eigentlich sein). Das heißt nicht, dass die Wirtschaft nicht ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Gesellschaft ist – ich finde es aber hin und wieder wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, was eigentlich Zweck, und was Mittel ist.

Ähnliches passiert wohl auch bei Diskussionen um Bildung häufig – zum Beispiel in einer sehr spannenden (aber konfusen) Diskussion zur Zukunft der Hochschulbildung in Leipzig aus Anlass des Bildungsstreiks schwang dies mit:  Einerseits wird eingefordert, eine möglichst freie und zweckungebundene ‘humboldtsche’ Bildung an den Universitäten realisieren zu können – andererseits sollen Lehrveranstaltungen immer ‘praxisnah’ und ‘für den späteren Beruf (möglichst direkt) nützlich’ sein. Gerade bei Lehramtsstudent/-innen fällt mir dieser (scheinbare?) Widerspruch immer wieder auf. An sich haben ja tatsächlich auch beide Ansprüche ihre Berechtigung.

Wie kommt man da nun ‘raus’? – M.E. hilft es, sich auch hier immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was eigentlich der Zweck und was die Mittel sind – vielleicht ist gerade hierzu auch eine intensive öffentliche Diskussion nötig, denn man kann darüber sicher trefflich streiten. Für mich wäre der individuelle Zweck von Bildung immer die möglichst selbstbestimmte Lebensgestaltung der sich bildenden Menschen. Der gesellschaftliche Zweck? Vielleicht eine Gesellschaft zu gestalten, in der die Bedürfnisse der Mitmenschen und der zukünftigen Generationen bei der eigenen Lebensgestaltung respektiert werden? (an dieser Stelle kann man solche Ziele nur allgemein halten – es wäre aber eine Sache der gesellschaftlichen Diskussion, diese zu konkretisieren…). Und dafür ist es auch, aber nicht nur, notwendig (zumindest in der real existierenden Gesellschaft), dass Menschen im Bildungsprozess Fähigkeiten erwerben, die ihnen eine Berufstätigkeit und damit einen Einkommenserwerb ermöglichen (=Mittel). Ebenso ist es sicher gesellschaftlich notwendig, dass Menschen die Qualifikationen erwerben, notwendige Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Daneben ist es aber auch notwendig, dass Menschen lernen, ihre eigenen Interessen zu entwickeln sowie gesellschaftliche Prozesse zu verstehen und zu gestalten.

Wahrscheinlich kommt man mit Reduktionen auf beiden Seiten nicht weiter: sowohl die Reduktion auf die ‘im Berufsleben praktisch verwertbare (Aus)Bildung’ als auch die Reduktion auf die ‘zweckungebundene Bildung’ erscheint mir im Hinblick auf das genannte Ziel als nicht ausreichend…


Urlaub ;)

29. August 2009

Endlich habe auch ich Urlaub… in wunderschönem Wetter in Reykjavík. Letzeres ist ja etwas krisengeschüttelt – vielleicht aber auch eine Chance für die Gesellschaft: es wird über viele Dinge erstmals wieder nachgedacht…


kleine Anmerkung zur Lernkultur

25. August 2009

Vorläufig ganz ohne meine letzte Ankündigung (die Frage, wie sich eine Lernkultur gestalten lässt, in der Menschen gemeinsam Probleme lösen und dabei gleichzeitig individuell lernen in einem Post aufzugreifen) in die Tat umzusetzen, muss ich jetzt eine kurze Anmerkung zum Thema ‘Lernkultur’ machen, da ich letztens eine recht überraschende Diskussion zu dem Thema hatte.

Und zwar unterhielt ich mich mit dem Schüler eines Gymnasiums (12. Klasse) und war ziemlich überrascht über sein Bild von ‘gutem Unterricht’: Diesen stellt er sich nämlich in erster Linie lehrerzentriert vor. Dabei schien ihm vor allem wichtig zu sein, möglichst gut ‘im Stoff’ voranzukommen – der Lehrer solle vor allem den Inhalt erklären und ein (ihm) angemessenes Tempo dabei wählen. Die selbständige Erarbeitung von Themen (allein oder in Gruppen) hielt er nicht für sinnvoll (obwohl ich denke, dass er zum einen dies beherrscht und zum anderen auch bereits Erfahrungen damit sammeln konnte – allerdings eher in schulischen ‘Randzonen’ wie AG’s etc.). Insgesamt war diese Vorstellung weiter gekoppelt mit der Meinung, dass Schüler, die in einem Fach schwächer sind, den (seinen) Lernprozess aufhalten (und es eigentlich besser wäre, diese Schüler wären nicht in diesem Kurs oder auf dieser Schule) – und das, obwohl er sich bereits auf einer stark selektionsorientierten Schule befindet!

Mein erster Impuls war, meinem Gesprächspartner geringe Reflexion über die eigenen Lernprozesse etc. vorzuwerfen – was nicht zutreffend wäre, denn ich habe selten mit einem 17-Jährigen auf so hohem Niveau über Schule reflektiert.

Was mir die Diskussion aber im Nachgang zeigt: Die Lernkultur, die an unseren Schulen herrscht, vermittelt sich weiter – die Vorstellungen von der ‘optimalen’ Gestaltung von Schule und Lernprozessen werden geprägt von der (eigenen) Schule, so wie sie ist bzw. erfahren wird. Bei mir haben sich diese Vorstellungen allmählich – v.a. durch sehr intensive Lernerfahrungen in verschiedenen Projekten – verändert, aber meine Vorstellungen vom Lernen decken sich möglicherweise nicht mit denen vieler anderer Menschen. Außerdem: auch die im deutschen Bildungssystem immanente ‘Selektionslogik’ (bzw. um es neutraler zu sagen: Sortier- oder Homogenisierungslogik) scheint sich implizit  zu vermitteln – als Vorstellung von ‘erfolgreichem Lernen’ als in homogenen Gruppen stattfindendem Lernen.

In jedem Fall ist mir deutlich geworden, wie weit der Weg zu inklusivem, handlungsorientiertem, selbstbestimmtem und lernerzentriertem Lernen noch ist…


Neuronenmetapher in der Diskussion

24. August 2009

Mein letzter Post hat eine sehr intensive Diskussion zum Thema ‘Neuronenmetapher’ ausgelöst. (Für mich) wichtige Themen waren unter anderem: Wie kann gemeinsames Problemlösen funktionieren? Was bedeutet es, sich ‘wie ein Neuron’ zu verhalten? Welche Hilfestellungen gibt die Systemtheorie bei der Erklärung und Gestaltung von gemeinsamem Problemlöseverhalten? Welchen Nutzen haben Diskussionen über theoretische Ansätze? Und insgesamt: wie kann die Neuronen-Metapher verstanden werden (bzw. was kann ihr Stellenwert und Nutzen für mich sein)?

Ich kann  die gesamte vielfältige Diskussion nicht im einzelnen zusammenfassen. Zu letzter Frage habe ich aber vor einigen Tagen eine Zusammenfassung geschrieben, die ich hier noch mal einstelle:

(1) Wenn Menschen gemeinsam Probleme lösen wollen/müssen, ist es sinnvoll, dass sie sich ‘wie Neuronen verhalten’ , da dann ein ‘gemeinsames Wissen’ entstehen kann, das über die Erkenntnisse des einzelnen hinausgeht und Problemlösungen ermöglichen kann. Gleichzeitig kann dabei auch der Einzelne gewinnen, indem er seine Ideen, Erfahrungen und Konzeptualisierungen einbringt und erweitern kann.
(2) Dabei ist aber klar, dass Menschen natürlich Menschen bleiben – d.h. im einzelnen: sie verarbeiten Informationen intensiv (was Neuronen streng genommen nicht tun), sie entscheiden selbst, auf welche Impulse sie reagieren, sie haben das Bedürfnis, in einer solchen Diskussion als Menschen anerkannt zu werden und ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln.
(3) Hier kommt auch zum Tragen, dass Menschen, auch wenn sie sich wie Neuronen verhalten um Probleme zu lösen, natürlich ihre eigenen Interessen und Problemsichten mitbringen (d.h., sie werden nur die Probleme diskutieren und lösen, die sie selbst haben oder sehen – welche das sind, entscheiden sie wiederum natürlich selbst).
(4) Daraus ergibt sich, dass Netzwerke unter Menschen (auch wenn diese sich wie Neuronen verhalten), m.E. anders aufgebaut sein werden als ‘Gehirne’ (weniger funktionale und mehr themen- bzw. problemspezifische Gruppierung, Vernetzung und Differenzierung)
(5) An letztem Punkt gelange ich an die Grenze dessen, was ich bislang bestimmen kann – denn ich verstehe weder vollständig, wie Gehirne funktionieren noch wie menschliche Netzwerke funktionieren und Probleme lösen.
(6) Daraus ergibt sich für mich wiederum, dass ich die ‘Neuronen/Gehirn-Metapher’ nicht wirklich ‘als Erklärung’ nutzen kann: da ich den Inhalt der Metapher selbst nicht verstehen kann, ist auch gar nicht bestimmbar, ob das Bild übertragbar ist oder nicht. (Und die Diskussion über die Vereinbarkeit anderer theoretischer Modelle – hier Luhmann – hat mir dabei geholfen, diese Grenzen genauer auszuloten) – Ich kann nur aus meinem Erleben (hier in der letzten Woche, aber auch ‘Offline’) sagen, dass es bei gemeinsamen Problemlösungen für die Problemlösung, aber auch für den Erkenntnisweg des Einzelnen hilfreich ist, wenn „Menschen sich wie Neuronen verhalten” (das hilft mir, verschiedene nützliche Verhaltensweisen quasi auf einen Begriff zu bringen).
(7) Einerseits kann ich also mit der Metapher quasi in einem Begriff Verhaltensweisen beschreiben, die ich als nützlich für gemeinsame Problemlösungen erlebt habe. Dadurch wird sie ‘normativ’ – wenn ich gemeinsam Probleme lösen möchte, dann ist es sinnvoll, sich so zu verhalten… (s.o.). Das heißt für mich aber nicht, dass ich dies immer und überall tun muss, denn: ich will/kann nicht immer gemeinsam Probleme lösen (manche Probleme muss oder will ich (zunächst) allein lösen, für manche finde ich vielleicht noch keine Mitstreiter, manchmal muss ich Routinetätigkeiten nachgehen oder mich erholen und manche Probleme, die in meinem Umfeld gemeinsam gelöst werden, kann ich aus verschiedensten Gründen nicht mitlösen).
(8) Die Notwendigkeit von oder der Wille zu einer gemeinsamen Klärung oder Lösung eines Problems erscheint mir dabei als wesentlicher Punkt für die Wirksamkeit menschlichen „Verhaltens als Neuron”.

Dieser letzte Punkt leitet m.E. zur Frage nach einer förderlichen ‘Lernkultur’ über – also die Frage danach, welche strukturellen (?) Voraussetzungen hilfreich sind, damit Menschen auf diese Art gemeinsam Probleme lösen können. Dazu aber ein anderes Mal mehr…


die Netzgesellschaft als Gehirn oder: was für ein Neuron will ich werden?

13. August 2009

So, wie versprochen hier ein paar Gedanken zur Neuronenmetapher. Auch wenn ich an irgendeiner nicht mehr auffindbaren Stelle gelesen habe, diese sei ‘durch’ – durch meine Synapsen jedenfalls noch nicht. Deshalb jetzt der Versuch…

Wesentlich an der Metapher erscheinen mir vor allem zwei Punkte: Einerseits das “schnelle Feuern”, andererseits das “Verbindungen schaffen” – beides Kernaufgaben der (meisten) Neurone. D.h., das sind die Punkte, die mich anfänglich am meisten zum Nachdenken gebracht haben. Vielleicht weil es die Aufgaben sind, die ich bislang so nicht verfolgt habe…

Zum “schnellen Feuern”: Hier ist mir aufgefallen, dass ich sofort angefangen habe, mich dagegen innerlich zu wehren. Ich bin ein eher perfektionistischer Mensch und habe oft das Bedürfnis, etwas ein bisschen ‘tiefer’ zu durchdenken… also einfach das oft zitierte: Information bekommen – Information kombinieren – Information feuern – das erschien mir für mich nicht praktikabel.

Zum Glück kommt im zweiten Teil des Videos, das die Neuronenmetapher und dann das Menschenbild von Jean-Pol Martin erklärt auch noch ein anderer Aspekt vor, der mir sehr einleuchtet: nämlich der Aspekt der Gegensätze. Da heißt es sinngemäß: es ist kein “Widerspruch” wenn jemand einerseits nach “Freiheit” und andererseits nach “Führung” verlangt – der Mensch ist so. Und ein solcher Gegensatz könnte m.E. nach auch im Bezug auf Kommunikationsverhalten vorliegen: einerseits benötigt man schnelle und aktuelle Information und möchte Erkenntnisse quasi ‘sofort’ weitergeben – andererseits können gerade sehr anregende Gedanken die ‘Impulsproduktion’ nach außen erstmal blockieren und einen längeren Verarbeitungsprozess anregen.

Bei mir hat z.B. dieser längere Verarbeitungsprozess (ist ein Tag schon lang?) jetzt dazu geführt mich zu fragen, ob die Idee des “schnellen Feuerns” tatsächlich auf eine neuronenähnliche Geschwindigkeit bezogen gemeint ist.  Möglicherweise haben verschiedene Informations- und Verarbeitungsprozesse deshalb auch einfach ihre je eigene mögliche “Feuergeschwindigkeit”. Aber der Gedanke, dass Erkenntnisse, Ideen und Gedanken nicht zurückgehalten werden sollten, hat mich überzeugt ;)
(in “Präsenzszenarien” fällt es ja auch immer wieder auf, dass man am meisten lernen kann, wenn man seine Gedanken mitteilt und damit in der Kommunikation mit anderen weiterentwickeln kann – das ist online ganz genauso – nur dass man online die Möglichkeit hat, den Gedanken genau dann zu äußern, wenn er soweit gedacht ist, dass er zumindest kommunizierbar erscheint).

Ich weiß nicht ob mein neurobiologisches Verständnis veraltet ist – aber wenn wir eine qualitative Verarbeitung von Informationen und Ideen bei den menschlichen Neuronen erreichen,  kommt die Metapher dort an ihre Grenzen?

Zum zweiten Punkt – die Verbindungen – ist werde ich dem bisher gesagten nicht so viel hinzufügen – er leuchtet ganz einfach ein.

Was mir aber noch wichtig ist, ist die Weiterführung der Metapher. Zuerst habe ich gedacht, ich würde die Metapher vielleicht überstrapazieren, wenn ich darüber nachdenke, dass aus den verschiedenen Neuronen ja auch so etwas wie ein “Gehirn” entstehen müsste. Aber dann bin ich auf diesen Artikel gestoßen. Die Idee dass wir uns im Kleinkindalter befinden, finde ich übrigens ziemlich spannend. Wollen wir erwachsen werden? (das würde vielleicht auch bedeuten: dass auch in diesem Bereich, der gerade durch seine dynamische Entwicklung so spannend ist, starrere Strukturen entstehen…).

Dabei entsteht ja auch die Frage nach der “Strukturierung” – also der Ortung von gewissen Zentren, Strukturen und Knotenpunkte (siehe den verlinkten Artikel).

Dabei fällt mir ein, was ich vor einigen Wochen zufällig bei Niklas Luhmann gelesen habe: Das Gehirn ist (wie andere Systeme auch) ein selbstreferentielles System. Das bedeutet erstens:  die Elemente des Systems bilden sich erst in Bezug auf das System – klar, ich bräuchte kein ‘Neuron’ zu werden, wenn nicht ein Netz von anderen Neuronen da ist oder entsteht, mit dem ich kommunizieren kann. Und zweitens: die Elemente kommunizieren in einer bestimmten Weise miteinander und haben keinen _direkten, unbegrenzten_ Austausch mit einem anderen System aus der Umwelt des Systems (also um Luhmann jetzt mal sehr verkürzt und nur aus dem Gedächtnis zu zitieren). Drittens: Ein Teil der Systemkommunikation wird dafür genutzt, die eigenen Prozesse zu reflektieren und zu organisieren. Hierin liegt für mich ein wichtiger Punkt: ein System wie das/ein Gehirn darf nicht und kann nicht _komplett selbstreferentiell_ sein (das würde bedeuten, sich quasi nur mit sich selbst zu beschäftigen), sondern muss irgendwie auch Informationen von außen aufnehmen und solche (bzw. eigentlich: Handlungen) nach außen abgeben. (wie das systemtheoretisch genau beschrieben/erklärt war, weiß ich nicht mehr, aber es gab eine Beschreibung). Im Falle des Gehirns sind hier es die Sinnesorgane und die mit ihnen verbundenen Hirnteile, die für den informationellen Kontakt sorgen, und z.B. Neuronen im ‘Bewegungszentrum’ (so heißt das, glaube ich), die den handelnden Kontakt ermöglichen.

Die Frage ist: was für ein Neuron will/kann ich werden?

zu Luhmann: das hier aus dem Gedächtnis “zitierte” stammt aus: Luhmann, Niklas (1996): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 6. Auflage, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


Hello world!

12. August 2009

Zwar ist das hier (noch) nicht mein erstes selbstgeschriebenes Programm, aber der Titel den WordPress hier ‘meinem’ ersten Post verpasst hat, ist nicht ganz untreffend ;)

Als erstes mal der Versuch zu erklären warum ich denn (erst? gerade? zu diesem Zeitpunkt) das gefühlt 10327te Blog zu den Themen E-Learning und Bildung, Netzgesellschaft und Medien eröffne.

Zuerst ganz einfach: ich beschäftige mich schon eine Weile mit diesen Themen und möchte meine Perspektive in die gegenwärtige Vernetzung einbringen, sie produktiv werden lassen und weiterentwickeln.

Warum jetzt – nun, Anlass meines quasi nächtlichen Blogstarts ist mein heutiges “Stolpern” über die “Neuronenmetapher” von Jean-Pol Martin. Das hat bei mir zum einen sehr viele spannende Gedanken darüber angeregt, wie Wissenschaft und Lernen heute funktionieren können und sollten (genaueres in einem nächsten Post). Andererseits bin ich dadurch ermutigt worden, das immer wieder aufgeschobene Projekt eines aktiven und inhaltlich auf ‘meine’ Themen fokussierten Weblogs endlich anzugehen. Dieses stellt also auch den Versuch dar, zu einem “Neuron” im entstehenden “Netzgehirn” zu werden…

Besser spät als nie – warum _erst_  jetzt?

Allein dass ich mir diese Frage stelle ist wahrscheinlich symptomatisch… warum nicht _erst_ jetzt? Nun – der besondere Wert, den “Aktualität” in der heutigen Gesellschaft allgemein und in der bestehenden Community  im speziellen hat, legt es nahe, darüber nachzudenken. Wenn ich erst jetzt ein Blog eröffne, von der Neuronenmetapher gehört habe oder ähnliches, dann vermittelt sich mir immer wieder der Eindruck des “Nicht-up-to-date-seins” – der scheinbar einzigen Todsünde unserer Zeit.

Ich bin aber in einem längeren Denkprozess (der übrigens auch etwas mit der Idee des Konnektivismus zu tun hat), zu der Erkenntnis gekommen, dass es um die Aktualität nicht als einziges gehen kann. Denn es findet in der heutigen Gesellschaft nicht nur eine sehr schnelle Wissensentwicklung statt, sondern diese findet auch an sehr unterschiedlichen reellen und virtuellen Orten statt. Und aller Vernetzung zum Trotz scheint es mir (noch) so, als gäbe es viele Parallelentwicklungen, unbekannte aber dennoch hoch spannende Teildiskurse usw…

Kurz gesagt: Man kann – und ich meine: zunehmend – nicht mehr davon ausgehen, in einem bestimmten Themengebiet ‘up to date’ zu sein und wirklich alle relevanten Entwicklungen zu kennen. Wahrscheinlich wird man (zumindest: werde ich) deshalb immer wieder auf Diskussionsfäden und Ideen stoßen, die nicht brandaktuell sind, die aber dennoch etwas zu meinem Lernen und Leben beitragen können – und zu denen mein Lernen und Leben vielleicht noch etwas beitragen kann. Ich werde lernen müssen, mir die Freiheit zu nehmen, anachronistisch zu sein und dennoch meine Erkenntnisse zu ‘feuern’, auch wenn ich dafür ein Stück Perfektionismus überwinden muss.


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