Diese Woche hatte ich einen dieser mittleren Kämpfe mit moodle…
Da habe ich mich doch die “vollkommen abwegige” Idee gehabt, Studenten sollten bestimmte Videos in moodle einbetten, ein Statement dazu abgeben und die Videos/Statements der anderen kommentieren können. Dabei geht es zunächst nur um Videos, die bereits bei youtube oder ähnlich veröffentlicht sind. Da ich das in einer der ersten Veranstaltungswochen vorhabe (näheres zu diesem spezifischen Seminarprojekt in einem späteren Post…) und die Studierenden (nach meiner Erfahrung) eben nicht alle möglichen Tools “einfach so” nutzen und bedienen können, sollen sie zu dieser Zeit auch (noch) keine Trainerrechte für den Kurs haben.
So probierte ich also in verschiedenen Aktivitäten aus, ob und wie dort Videos eingebettet werden können. In meiner Trainerrolle gelang mir das zwar nicht im Wiki und auch nicht in der Datenbank oder im Forum, aber im Glossar – und das hat ja dann auch noch den Vorteil, dass es eine Kommentarfunktion hat. So weit so schön – können das auch Studierende (bzw. Personen in der Teilnehmerrolle)?
Die ernüchternde Antwort: nein. – zumindest nicht so ohne weiteres: zwar ist die html-Code einfügen-Option für Teilnehmer nicht disabled, aber der embed-Code wird vollständig und kommentarlos ignoriert. Was tun?
Zum Glück gibt es ja an der Uni Leipzig den E-Learning-Service (der ja auch für die konkrete moodle-Implementierung verantwortlich ist) – dieser konnte mir immerhin mit einem workaround weiterhelfen: man kann den Teilnehmern (allerdings recht aufwändig, weil einzeln) für diese eine Aktivität Trainerrechte zuweisen. Dann klappts auch mit dem Video. (Das hat natürlich den Nebeneffekt, dass Teilnehmer dann die gesamte Aktivität auch bearbeiten und z.B. aus Versehen, weil sie ja noch nicht wirklich mit moodle umgehen können, löschen können – hier geht die Rechteeinschränkung für Teilnehmer einfach mal nach hinten los!)
Ich weiß nicht wirklich, ob dieses Problem vielleicht nur an der moodle-Implementation unserer Einrichtung liegt (gut möglich, dass der Administrator da die Rechte differenziert vergeben kann?). Generell angelegt ist das Problem aber durch die sehr stark differenzierte Rechte- und Rollenvergabe bei moodle an sich (ich fühle mich auch ehrlich gesagt als “Kursleiter” etwas bevormundet, wenn ich solche Dinge nicht an irgendeiner Stelle selbst einstellen kann).
Nun werden Leser, die in der “E-Learning-Blogosphäre” auch nur einigermaßen bewandert sind, sich berechtigterweise fragen, warum ich das überhaupt tue – warum moodle? warum nicht einfach blogs, twitter, wikis, youtube – LMS sind schließlich “sooo nineties!” (naja, moodle selbst ist noch nicht ganz so alt) – so gibt es immer wieder mal Diskussionen um ihren Nutzen und ihre Notwendigkeit, z.B. gegenüber der ‘persönlichen Lernumgebung’ (PLE) (relativ alte Zeugnisse dieser Diskussion hier und hier, neuerdings wird die Diskussion sogar in Verbindung mit der Diskussion zum Begriff E-Learning geführt, ein guter Einstieg findet sich bei Helge Städtler). Also – warum mache ich das eigentlich…
Neben einem gepflegten Anachronismus (“In sein ist out” – das war schon mit 14 mein Lieblingsspruch) lassen sich die verschiedenen Gründe, die ich für die Nutzung von LMS sehe, glaube ich fast alle auf die letztlich eben doch vorhandene Institutionalisierung des Lernens zurückführen (eine ähnliche Argumentation übrigens hier von Ralf Hilgenstock):
Diese führt (Grund 1) dazu, dass ich die Lehrveranstaltung in gewissem Sinne vorausplanen muss. D.h., ich muss zumindest die Inhalte und Aufgabenstellungen vorher festlegen – nun, das könnte ich auch ‘offline’ machen und dann zur jeweiligen Zeit über den Blog oder ein Wiki oder einen Microblog den Studenten zugänglich machen. Manche Einheiten muss ich aber auch didaktisch anders planen, als ich es nur per Wiki oder Blog z.B. könnte). Ein Beispiel: Die Studenten sollen erkennen, welche Implikationen die ‘klassischen’ Lerntheorien für den Einsatz von ‘E-learning’ haben. Nun könnte ich ein Wiki über Lerntheorien einrichten, die Studenten in Blogs darüber reflektieren und diskutieren lassen, interessante Links empfehlen etc – und hätte damit einige der Theorien bereits ad absurdum geführt. Das wäre eine Variante – aber die Studenten wissen damit immer noch nicht, was es heißt, z.B. behavioristisch zu lernen. Damit sie damit Erfahrungen machen, bereite ich in moodle eine kleine feine ‘Lektion’ vor, die nicht nur die Theorie Behaviorismus erklärt, sondern gleichzeitig ihre Implikationen umsetzt – die Studenten machen ihre Erfahrungen damit und reflektieren das Ganze hinterher z.B. in einem Forum.
Moodle hilft mir dabei dann aber nicht nur, bestimmte Lerninhalte und -vorgänge zu planen, sondern auch, die verschiedenen Kursaktivitäten einfach “an einem Ort” (Grund 2) zu haben (natürlich könnten die Studenten ihre Erfahrungen auch in einem Blog reflektieren und diskutieren, ich werde sie sogar dazu ermutigen – aber die Seminardiskussion selbst findet “an einem Ort” möglicherweise produktiver statt – zumal möglicherweise auch viele andere Aktivitäten in dem Seminar anfallen, die über ein Blog nun wieder nicht laufen könnten…). Natürlich ist die Notwendigkeit, einen Überblick über die Seminaraktivitäten zu haben, auch wiederum der Institutionalisierung des Lernens in einer bestimmten Lehrveranstaltung an einer bestimmten Hochschule usw. geschuldet.
Aber nicht nur ich habe dann alle Seminaraktivitäten an einem Ort versammelt, sondern auch die Studierenden (Grund 3), die sich laut meiner Erfahrung mehrheitlich nicht bereits eine ‘eigene PLE’ eingerichtet haben, sondern ihr Lernen eher in Termini von einzelnen Kursen organisieren (auch das natürlich der Institutionalisierung geschuldet).
Gerade durch diese auch im Hochschulbereich (und wahrscheinlich durch die deutsche Bologna-Umsetzung: vermehrt auch im Hochschulbereich) anzutreffende Institutionalisierung des Lernens (und damit für die Studierenden oft auch: Instrumentalisierung für und Zentrierung auf das Erreichen von Scheinen oder Punkten) ist auch klar, dass das Lernen im Rahmen von Lehrveranstaltungen immer zunächst formales Lernen ist – und dass damit ein Interesse (und auch ein gutes Recht) der Studierenden besteht, diese Lernprozesse in einer gewissen Weise institutionalisiert zu belassen und nicht in eine PERSÖNLICHE Lernumgebung aufzunehmen (Grund 4) (also nicht für ein Seminar ein neues Blog anlegen zu müssen, nur weil ich diese Inhalte in meinem persönlichen – auch wenn dieses ‘lernmotiviert ist, einfach weil diese Inhalte nicht zum Kern meines Interesses gehören – nicht haben möchte, etc.). Vielleicht haben auch deshalb die Versuche, PLE’s in einzelnen Seminaren einzusetzen, nicht den breiten Erfolg (siehe Kommentare hierzu bzw. gleich das Buch von Marcel Kirchner und Thomas Bernhardt)?
Das heißt nicht, dass PLE’s insgesamt uninteressant oder nutzlos wären – im Gegenteil (ich selbst baue mir genau genommen gerade eine auf). Sie haben aber m.E. nur dann für den lernenden Menschen einen Mehrwert, wenn damit EIGENE Interessen und Projekte verfolgt und bearbeitet werden. Für “zunächst nur institutionalisierte” Lernprozesse würde ich meine PLE wahrscheinlich kaum nutzen (geschweige denn: einrichten!).
Warum ich also LMS (im konkreten Fall moodle) überhaupt einsetze: einfach weil ich als Lehrende in Hochschulseminaren es nun einmal mit für die Studierenden “zunächst nur institutionalisiertem Lernen” zu tun habe – und dies auch bei meiner Planung berücksichtigen muss. (Dennoch versuche ich natürlich, mit den jeweiligen Themen an den Interessen der Studierenden anzuknüpfen, oft genug mit Projektseminaren usw., so dass die Seminarthemen von möglichst vielen auch als ‘persönliche’ übernommen werden – aber ich kann nicht davon ausgehen, dass dies auch nur ein nennenswerter Teil der Studierenden letztlich tut, schon allein wegen der Vielfalt der Themen, denen man im Studium begegnet und für die man sich außerhalb dessen auch noch interessieren kann).
Das heißt aber auch: wenn wir wollen dass immer mehr Lernende ihre eigenen Interessen und Projekte produktiv verfolgen können (in oder außerhalb institutioneller Zusammenhänge, mit oder ohne PLE – wobei sich der Sinn der PLE dann ja wirklich auch erschließt!), müssen die Lernenden dafür nicht nur Anregungen zur Einrichtung einer PLE bekommen, sondern vor allem auch den Raum, eigene Interessen zu verfolgen und eigene Projekte (auch mit Unterstützung) umsetzen zu können – und das ist m.E. die entscheidende Aufgabe in der Gestaltung von Bildungsprozessen gerade auch in der Hochschule. Nicht der Medieneinsatz verändert das Lernen, sondern ein verändertes Lernen macht einen Einsatz bestimmter Medien überhaupt erst sinnvoll…