Neuronenmetapher in der Diskussion

24. August 2009

Mein letzter Post hat eine sehr intensive Diskussion zum Thema ‘Neuronenmetapher’ ausgelöst. (Für mich) wichtige Themen waren unter anderem: Wie kann gemeinsames Problemlösen funktionieren? Was bedeutet es, sich ‘wie ein Neuron’ zu verhalten? Welche Hilfestellungen gibt die Systemtheorie bei der Erklärung und Gestaltung von gemeinsamem Problemlöseverhalten? Welchen Nutzen haben Diskussionen über theoretische Ansätze? Und insgesamt: wie kann die Neuronen-Metapher verstanden werden (bzw. was kann ihr Stellenwert und Nutzen für mich sein)?

Ich kann  die gesamte vielfältige Diskussion nicht im einzelnen zusammenfassen. Zu letzter Frage habe ich aber vor einigen Tagen eine Zusammenfassung geschrieben, die ich hier noch mal einstelle:

(1) Wenn Menschen gemeinsam Probleme lösen wollen/müssen, ist es sinnvoll, dass sie sich ‘wie Neuronen verhalten’ , da dann ein ‘gemeinsames Wissen’ entstehen kann, das über die Erkenntnisse des einzelnen hinausgeht und Problemlösungen ermöglichen kann. Gleichzeitig kann dabei auch der Einzelne gewinnen, indem er seine Ideen, Erfahrungen und Konzeptualisierungen einbringt und erweitern kann.
(2) Dabei ist aber klar, dass Menschen natürlich Menschen bleiben – d.h. im einzelnen: sie verarbeiten Informationen intensiv (was Neuronen streng genommen nicht tun), sie entscheiden selbst, auf welche Impulse sie reagieren, sie haben das Bedürfnis, in einer solchen Diskussion als Menschen anerkannt zu werden und ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln.
(3) Hier kommt auch zum Tragen, dass Menschen, auch wenn sie sich wie Neuronen verhalten um Probleme zu lösen, natürlich ihre eigenen Interessen und Problemsichten mitbringen (d.h., sie werden nur die Probleme diskutieren und lösen, die sie selbst haben oder sehen – welche das sind, entscheiden sie wiederum natürlich selbst).
(4) Daraus ergibt sich, dass Netzwerke unter Menschen (auch wenn diese sich wie Neuronen verhalten), m.E. anders aufgebaut sein werden als ‘Gehirne’ (weniger funktionale und mehr themen- bzw. problemspezifische Gruppierung, Vernetzung und Differenzierung)
(5) An letztem Punkt gelange ich an die Grenze dessen, was ich bislang bestimmen kann – denn ich verstehe weder vollständig, wie Gehirne funktionieren noch wie menschliche Netzwerke funktionieren und Probleme lösen.
(6) Daraus ergibt sich für mich wiederum, dass ich die ‘Neuronen/Gehirn-Metapher’ nicht wirklich ‘als Erklärung’ nutzen kann: da ich den Inhalt der Metapher selbst nicht verstehen kann, ist auch gar nicht bestimmbar, ob das Bild übertragbar ist oder nicht. (Und die Diskussion über die Vereinbarkeit anderer theoretischer Modelle – hier Luhmann – hat mir dabei geholfen, diese Grenzen genauer auszuloten) – Ich kann nur aus meinem Erleben (hier in der letzten Woche, aber auch ‘Offline’) sagen, dass es bei gemeinsamen Problemlösungen für die Problemlösung, aber auch für den Erkenntnisweg des Einzelnen hilfreich ist, wenn „Menschen sich wie Neuronen verhalten” (das hilft mir, verschiedene nützliche Verhaltensweisen quasi auf einen Begriff zu bringen).
(7) Einerseits kann ich also mit der Metapher quasi in einem Begriff Verhaltensweisen beschreiben, die ich als nützlich für gemeinsame Problemlösungen erlebt habe. Dadurch wird sie ‘normativ’ – wenn ich gemeinsam Probleme lösen möchte, dann ist es sinnvoll, sich so zu verhalten… (s.o.). Das heißt für mich aber nicht, dass ich dies immer und überall tun muss, denn: ich will/kann nicht immer gemeinsam Probleme lösen (manche Probleme muss oder will ich (zunächst) allein lösen, für manche finde ich vielleicht noch keine Mitstreiter, manchmal muss ich Routinetätigkeiten nachgehen oder mich erholen und manche Probleme, die in meinem Umfeld gemeinsam gelöst werden, kann ich aus verschiedensten Gründen nicht mitlösen).
(8) Die Notwendigkeit von oder der Wille zu einer gemeinsamen Klärung oder Lösung eines Problems erscheint mir dabei als wesentlicher Punkt für die Wirksamkeit menschlichen „Verhaltens als Neuron”.

Dieser letzte Punkt leitet m.E. zur Frage nach einer förderlichen ‘Lernkultur’ über – also die Frage danach, welche strukturellen (?) Voraussetzungen hilfreich sind, damit Menschen auf diese Art gemeinsam Probleme lösen können. Dazu aber ein anderes Mal mehr…


die Netzgesellschaft als Gehirn oder: was für ein Neuron will ich werden?

13. August 2009

So, wie versprochen hier ein paar Gedanken zur Neuronenmetapher. Auch wenn ich an irgendeiner nicht mehr auffindbaren Stelle gelesen habe, diese sei ‘durch’ – durch meine Synapsen jedenfalls noch nicht. Deshalb jetzt der Versuch…

Wesentlich an der Metapher erscheinen mir vor allem zwei Punkte: Einerseits das “schnelle Feuern”, andererseits das “Verbindungen schaffen” – beides Kernaufgaben der (meisten) Neurone. D.h., das sind die Punkte, die mich anfänglich am meisten zum Nachdenken gebracht haben. Vielleicht weil es die Aufgaben sind, die ich bislang so nicht verfolgt habe…

Zum “schnellen Feuern”: Hier ist mir aufgefallen, dass ich sofort angefangen habe, mich dagegen innerlich zu wehren. Ich bin ein eher perfektionistischer Mensch und habe oft das Bedürfnis, etwas ein bisschen ‘tiefer’ zu durchdenken… also einfach das oft zitierte: Information bekommen – Information kombinieren – Information feuern – das erschien mir für mich nicht praktikabel.

Zum Glück kommt im zweiten Teil des Videos, das die Neuronenmetapher und dann das Menschenbild von Jean-Pol Martin erklärt auch noch ein anderer Aspekt vor, der mir sehr einleuchtet: nämlich der Aspekt der Gegensätze. Da heißt es sinngemäß: es ist kein “Widerspruch” wenn jemand einerseits nach “Freiheit” und andererseits nach “Führung” verlangt – der Mensch ist so. Und ein solcher Gegensatz könnte m.E. nach auch im Bezug auf Kommunikationsverhalten vorliegen: einerseits benötigt man schnelle und aktuelle Information und möchte Erkenntnisse quasi ‘sofort’ weitergeben – andererseits können gerade sehr anregende Gedanken die ‘Impulsproduktion’ nach außen erstmal blockieren und einen längeren Verarbeitungsprozess anregen.

Bei mir hat z.B. dieser längere Verarbeitungsprozess (ist ein Tag schon lang?) jetzt dazu geführt mich zu fragen, ob die Idee des “schnellen Feuerns” tatsächlich auf eine neuronenähnliche Geschwindigkeit bezogen gemeint ist.  Möglicherweise haben verschiedene Informations- und Verarbeitungsprozesse deshalb auch einfach ihre je eigene mögliche “Feuergeschwindigkeit”. Aber der Gedanke, dass Erkenntnisse, Ideen und Gedanken nicht zurückgehalten werden sollten, hat mich überzeugt ;)
(in “Präsenzszenarien” fällt es ja auch immer wieder auf, dass man am meisten lernen kann, wenn man seine Gedanken mitteilt und damit in der Kommunikation mit anderen weiterentwickeln kann – das ist online ganz genauso – nur dass man online die Möglichkeit hat, den Gedanken genau dann zu äußern, wenn er soweit gedacht ist, dass er zumindest kommunizierbar erscheint).

Ich weiß nicht ob mein neurobiologisches Verständnis veraltet ist – aber wenn wir eine qualitative Verarbeitung von Informationen und Ideen bei den menschlichen Neuronen erreichen,  kommt die Metapher dort an ihre Grenzen?

Zum zweiten Punkt – die Verbindungen – ist werde ich dem bisher gesagten nicht so viel hinzufügen – er leuchtet ganz einfach ein.

Was mir aber noch wichtig ist, ist die Weiterführung der Metapher. Zuerst habe ich gedacht, ich würde die Metapher vielleicht überstrapazieren, wenn ich darüber nachdenke, dass aus den verschiedenen Neuronen ja auch so etwas wie ein “Gehirn” entstehen müsste. Aber dann bin ich auf diesen Artikel gestoßen. Die Idee dass wir uns im Kleinkindalter befinden, finde ich übrigens ziemlich spannend. Wollen wir erwachsen werden? (das würde vielleicht auch bedeuten: dass auch in diesem Bereich, der gerade durch seine dynamische Entwicklung so spannend ist, starrere Strukturen entstehen…).

Dabei entsteht ja auch die Frage nach der “Strukturierung” – also der Ortung von gewissen Zentren, Strukturen und Knotenpunkte (siehe den verlinkten Artikel).

Dabei fällt mir ein, was ich vor einigen Wochen zufällig bei Niklas Luhmann gelesen habe: Das Gehirn ist (wie andere Systeme auch) ein selbstreferentielles System. Das bedeutet erstens:  die Elemente des Systems bilden sich erst in Bezug auf das System – klar, ich bräuchte kein ‘Neuron’ zu werden, wenn nicht ein Netz von anderen Neuronen da ist oder entsteht, mit dem ich kommunizieren kann. Und zweitens: die Elemente kommunizieren in einer bestimmten Weise miteinander und haben keinen _direkten, unbegrenzten_ Austausch mit einem anderen System aus der Umwelt des Systems (also um Luhmann jetzt mal sehr verkürzt und nur aus dem Gedächtnis zu zitieren). Drittens: Ein Teil der Systemkommunikation wird dafür genutzt, die eigenen Prozesse zu reflektieren und zu organisieren. Hierin liegt für mich ein wichtiger Punkt: ein System wie das/ein Gehirn darf nicht und kann nicht _komplett selbstreferentiell_ sein (das würde bedeuten, sich quasi nur mit sich selbst zu beschäftigen), sondern muss irgendwie auch Informationen von außen aufnehmen und solche (bzw. eigentlich: Handlungen) nach außen abgeben. (wie das systemtheoretisch genau beschrieben/erklärt war, weiß ich nicht mehr, aber es gab eine Beschreibung). Im Falle des Gehirns sind hier es die Sinnesorgane und die mit ihnen verbundenen Hirnteile, die für den informationellen Kontakt sorgen, und z.B. Neuronen im ‘Bewegungszentrum’ (so heißt das, glaube ich), die den handelnden Kontakt ermöglichen.

Die Frage ist: was für ein Neuron will/kann ich werden?

zu Luhmann: das hier aus dem Gedächtnis “zitierte” stammt aus: Luhmann, Niklas (1996): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. 6. Auflage, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.


Hello world!

12. August 2009

Zwar ist das hier (noch) nicht mein erstes selbstgeschriebenes Programm, aber der Titel den WordPress hier ‘meinem’ ersten Post verpasst hat, ist nicht ganz untreffend ;)

Als erstes mal der Versuch zu erklären warum ich denn (erst? gerade? zu diesem Zeitpunkt) das gefühlt 10327te Blog zu den Themen E-Learning und Bildung, Netzgesellschaft und Medien eröffne.

Zuerst ganz einfach: ich beschäftige mich schon eine Weile mit diesen Themen und möchte meine Perspektive in die gegenwärtige Vernetzung einbringen, sie produktiv werden lassen und weiterentwickeln.

Warum jetzt – nun, Anlass meines quasi nächtlichen Blogstarts ist mein heutiges “Stolpern” über die “Neuronenmetapher” von Jean-Pol Martin. Das hat bei mir zum einen sehr viele spannende Gedanken darüber angeregt, wie Wissenschaft und Lernen heute funktionieren können und sollten (genaueres in einem nächsten Post). Andererseits bin ich dadurch ermutigt worden, das immer wieder aufgeschobene Projekt eines aktiven und inhaltlich auf ‘meine’ Themen fokussierten Weblogs endlich anzugehen. Dieses stellt also auch den Versuch dar, zu einem “Neuron” im entstehenden “Netzgehirn” zu werden…

Besser spät als nie – warum _erst_  jetzt?

Allein dass ich mir diese Frage stelle ist wahrscheinlich symptomatisch… warum nicht _erst_ jetzt? Nun – der besondere Wert, den “Aktualität” in der heutigen Gesellschaft allgemein und in der bestehenden Community  im speziellen hat, legt es nahe, darüber nachzudenken. Wenn ich erst jetzt ein Blog eröffne, von der Neuronenmetapher gehört habe oder ähnliches, dann vermittelt sich mir immer wieder der Eindruck des “Nicht-up-to-date-seins” – der scheinbar einzigen Todsünde unserer Zeit.

Ich bin aber in einem längeren Denkprozess (der übrigens auch etwas mit der Idee des Konnektivismus zu tun hat), zu der Erkenntnis gekommen, dass es um die Aktualität nicht als einziges gehen kann. Denn es findet in der heutigen Gesellschaft nicht nur eine sehr schnelle Wissensentwicklung statt, sondern diese findet auch an sehr unterschiedlichen reellen und virtuellen Orten statt. Und aller Vernetzung zum Trotz scheint es mir (noch) so, als gäbe es viele Parallelentwicklungen, unbekannte aber dennoch hoch spannende Teildiskurse usw…

Kurz gesagt: Man kann – und ich meine: zunehmend – nicht mehr davon ausgehen, in einem bestimmten Themengebiet ‘up to date’ zu sein und wirklich alle relevanten Entwicklungen zu kennen. Wahrscheinlich wird man (zumindest: werde ich) deshalb immer wieder auf Diskussionsfäden und Ideen stoßen, die nicht brandaktuell sind, die aber dennoch etwas zu meinem Lernen und Leben beitragen können – und zu denen mein Lernen und Leben vielleicht noch etwas beitragen kann. Ich werde lernen müssen, mir die Freiheit zu nehmen, anachronistisch zu sein und dennoch meine Erkenntnisse zu ‘feuern’, auch wenn ich dafür ein Stück Perfektionismus überwinden muss.


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