Mein letzter Post hat eine sehr intensive Diskussion zum Thema ‘Neuronenmetapher’ ausgelöst. (Für mich) wichtige Themen waren unter anderem: Wie kann gemeinsames Problemlösen funktionieren? Was bedeutet es, sich ‘wie ein Neuron’ zu verhalten? Welche Hilfestellungen gibt die Systemtheorie bei der Erklärung und Gestaltung von gemeinsamem Problemlöseverhalten? Welchen Nutzen haben Diskussionen über theoretische Ansätze? Und insgesamt: wie kann die Neuronen-Metapher verstanden werden (bzw. was kann ihr Stellenwert und Nutzen für mich sein)?
Ich kann die gesamte vielfältige Diskussion nicht im einzelnen zusammenfassen. Zu letzter Frage habe ich aber vor einigen Tagen eine Zusammenfassung geschrieben, die ich hier noch mal einstelle:
(1) Wenn Menschen gemeinsam Probleme lösen wollen/müssen, ist es sinnvoll, dass sie sich ‘wie Neuronen verhalten’ , da dann ein ‘gemeinsames Wissen’ entstehen kann, das über die Erkenntnisse des einzelnen hinausgeht und Problemlösungen ermöglichen kann. Gleichzeitig kann dabei auch der Einzelne gewinnen, indem er seine Ideen, Erfahrungen und Konzeptualisierungen einbringt und erweitern kann.
(2) Dabei ist aber klar, dass Menschen natürlich Menschen bleiben – d.h. im einzelnen: sie verarbeiten Informationen intensiv (was Neuronen streng genommen nicht tun), sie entscheiden selbst, auf welche Impulse sie reagieren, sie haben das Bedürfnis, in einer solchen Diskussion als Menschen anerkannt zu werden und ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln.
(3) Hier kommt auch zum Tragen, dass Menschen, auch wenn sie sich wie Neuronen verhalten um Probleme zu lösen, natürlich ihre eigenen Interessen und Problemsichten mitbringen (d.h., sie werden nur die Probleme diskutieren und lösen, die sie selbst haben oder sehen – welche das sind, entscheiden sie wiederum natürlich selbst).
(4) Daraus ergibt sich, dass Netzwerke unter Menschen (auch wenn diese sich wie Neuronen verhalten), m.E. anders aufgebaut sein werden als ‘Gehirne’ (weniger funktionale und mehr themen- bzw. problemspezifische Gruppierung, Vernetzung und Differenzierung)
(5) An letztem Punkt gelange ich an die Grenze dessen, was ich bislang bestimmen kann – denn ich verstehe weder vollständig, wie Gehirne funktionieren noch wie menschliche Netzwerke funktionieren und Probleme lösen.
(6) Daraus ergibt sich für mich wiederum, dass ich die ‘Neuronen/Gehirn-Metapher’ nicht wirklich ‘als Erklärung’ nutzen kann: da ich den Inhalt der Metapher selbst nicht verstehen kann, ist auch gar nicht bestimmbar, ob das Bild übertragbar ist oder nicht. (Und die Diskussion über die Vereinbarkeit anderer theoretischer Modelle – hier Luhmann – hat mir dabei geholfen, diese Grenzen genauer auszuloten) – Ich kann nur aus meinem Erleben (hier in der letzten Woche, aber auch ‘Offline’) sagen, dass es bei gemeinsamen Problemlösungen für die Problemlösung, aber auch für den Erkenntnisweg des Einzelnen hilfreich ist, wenn „Menschen sich wie Neuronen verhalten” (das hilft mir, verschiedene nützliche Verhaltensweisen quasi auf einen Begriff zu bringen).
(7) Einerseits kann ich also mit der Metapher quasi in einem Begriff Verhaltensweisen beschreiben, die ich als nützlich für gemeinsame Problemlösungen erlebt habe. Dadurch wird sie ‘normativ’ – wenn ich gemeinsam Probleme lösen möchte, dann ist es sinnvoll, sich so zu verhalten… (s.o.). Das heißt für mich aber nicht, dass ich dies immer und überall tun muss, denn: ich will/kann nicht immer gemeinsam Probleme lösen (manche Probleme muss oder will ich (zunächst) allein lösen, für manche finde ich vielleicht noch keine Mitstreiter, manchmal muss ich Routinetätigkeiten nachgehen oder mich erholen und manche Probleme, die in meinem Umfeld gemeinsam gelöst werden, kann ich aus verschiedensten Gründen nicht mitlösen).
(8) Die Notwendigkeit von oder der Wille zu einer gemeinsamen Klärung oder Lösung eines Problems erscheint mir dabei als wesentlicher Punkt für die Wirksamkeit menschlichen „Verhaltens als Neuron”.
Dieser letzte Punkt leitet m.E. zur Frage nach einer förderlichen ‘Lernkultur’ über – also die Frage danach, welche strukturellen (?) Voraussetzungen hilfreich sind, damit Menschen auf diese Art gemeinsam Probleme lösen können. Dazu aber ein anderes Mal mehr…
Verfasst von karlaspendrin