Vorläufig ganz ohne meine letzte Ankündigung (die Frage, wie sich eine Lernkultur gestalten lässt, in der Menschen gemeinsam Probleme lösen und dabei gleichzeitig individuell lernen in einem Post aufzugreifen) in die Tat umzusetzen, muss ich jetzt eine kurze Anmerkung zum Thema ‘Lernkultur’ machen, da ich letztens eine recht überraschende Diskussion zu dem Thema hatte.
Und zwar unterhielt ich mich mit dem Schüler eines Gymnasiums (12. Klasse) und war ziemlich überrascht über sein Bild von ‘gutem Unterricht’: Diesen stellt er sich nämlich in erster Linie lehrerzentriert vor. Dabei schien ihm vor allem wichtig zu sein, möglichst gut ‘im Stoff’ voranzukommen – der Lehrer solle vor allem den Inhalt erklären und ein (ihm) angemessenes Tempo dabei wählen. Die selbständige Erarbeitung von Themen (allein oder in Gruppen) hielt er nicht für sinnvoll (obwohl ich denke, dass er zum einen dies beherrscht und zum anderen auch bereits Erfahrungen damit sammeln konnte – allerdings eher in schulischen ‘Randzonen’ wie AG’s etc.). Insgesamt war diese Vorstellung weiter gekoppelt mit der Meinung, dass Schüler, die in einem Fach schwächer sind, den (seinen) Lernprozess aufhalten (und es eigentlich besser wäre, diese Schüler wären nicht in diesem Kurs oder auf dieser Schule) – und das, obwohl er sich bereits auf einer stark selektionsorientierten Schule befindet!
Mein erster Impuls war, meinem Gesprächspartner geringe Reflexion über die eigenen Lernprozesse etc. vorzuwerfen – was nicht zutreffend wäre, denn ich habe selten mit einem 17-Jährigen auf so hohem Niveau über Schule reflektiert.
Was mir die Diskussion aber im Nachgang zeigt: Die Lernkultur, die an unseren Schulen herrscht, vermittelt sich weiter – die Vorstellungen von der ‘optimalen’ Gestaltung von Schule und Lernprozessen werden geprägt von der (eigenen) Schule, so wie sie ist bzw. erfahren wird. Bei mir haben sich diese Vorstellungen allmählich – v.a. durch sehr intensive Lernerfahrungen in verschiedenen Projekten – verändert, aber meine Vorstellungen vom Lernen decken sich möglicherweise nicht mit denen vieler anderer Menschen. Außerdem: auch die im deutschen Bildungssystem immanente ‘Selektionslogik’ (bzw. um es neutraler zu sagen: Sortier- oder Homogenisierungslogik) scheint sich implizit zu vermitteln – als Vorstellung von ‘erfolgreichem Lernen’ als in homogenen Gruppen stattfindendem Lernen.
In jedem Fall ist mir deutlich geworden, wie weit der Weg zu inklusivem, handlungsorientiertem, selbstbestimmtem und lernerzentriertem Lernen noch ist…
Verfasst von karlaspendrin